Es fällt auf, dass vieles im Alltag nicht mehr sinnvoll zusammenhängt und dass sich die meisten verhalten, als täte es das. Man fragt sich, wie viel von dem, was man im Lauf eines Tages tut, überhaupt auf Logik beruht. Ein Video vom Juni 2026 beschreibt dieses Erleben. Der Sprecher schildert als Fall ein Bewerbungsgespräch, in dem ihm die Beteiligten Anteilnahme vorzuspielen scheinen und er darum bittet, zum Punkt zu kommen. [1]
Dieser Text geht der Frage nach, wie es dazu kommen kann. Er folgt der Frage, die Erich Fromm stellt: Dient etwas dem Menschen? Weber, Luhmann und Habermas liefern die Herleitung, Rosa und Graeber ergänzen das Erleben.
Zweck und Regel
Eine Handlung ist logisch begründet, wenn sich ein Zweck angeben lässt, dem sie dient, und wenn sie für diesen Zweck geeignet ist. Man tut etwas, um etwas zu erreichen. Diesen Zusammenhang nennt man Zweckrationalität.
In Institutionen kann er sich lösen. Handlungen werden ausgeführt, weil Regeln sie vorschreiben, und die Regeln beziehen sich auf andere Regeln und auf das Verfahren. Dafür steht der Begriff der institutionalisierten Selbstreferenz: Institutionen richten sich nach ihren eigenen Regeln, und der Zweck, dem sie dienen sollen, tritt in den Hintergrund. Die Handlungen genügen den Vorschriften, ihre sachliche Begründung und Notwendigkeit ist für den Handelnden aber nicht mehr auffindbar. Das hat sich in sehr vielen Bereichen festgesetzt, in der Verwaltung, in Organisationen und in der Erwerbsarbeit.
Max Weber: Formale und materiale Rationalität
Max Weber beschreibt die Modernisierung als fortschreitende Rationalisierung und Entzauberung, also als Zurückdrängen magischer Deutungen der Welt zugunsten rationaler. [2] Er unterscheidet verschiedene Handlungsformen, darunter das zweckrationale Handeln [3], und zwei Arten von Rationalität. Formale Rationalität bemisst sich an Berechenbarkeit, an der Anwendung allgemeiner Regeln und an einem festgelegten Verfahrensablauf. Ihren reinsten Ausdruck findet sie in der bürokratischen Verwaltung und in der kapitalistischen Rechnungsführung. Materiale Rationalität misst Handlungen an ethischen, inhaltlichen oder existenziellen Wertmaßstäben, also daran, ob etwas sachlich und menschlich angemessen ist. In modernen Organisationen verdrängt die formale Regelkonformität die inhaltliche Angemessenheit. [2]
Die Bürokratie hat sich historisch durchgesetzt, weil sie präzise und verlässlich arbeitet. Indem sie Vorgänge in unpersönliche Sachlichkeit überführt, verselbständigt sich die Maschinerie. Die formalen Mittel erheben sich über die ursprünglichen Zwecke, nämlich die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Der Einzelne wird in feste Dienstwege und funktionale Rollen eingegliedert. Für die rationale Ordnung unter kapitalistischen Bedingungen prägt Weber das Bild des stahlharten Gehäuses [4], für die Bürokratie spricht er später vom Gehäuse der Hörigkeit. [5] Beide Bilder beschreiben eine Lebensordnung, die zwingend geworden ist. Hier liegt die Entkopplung von Zweck und Handlung, um die es in diesem Text geht.
Niklas Luhmann: Selbstreferenz und Autopoiesis
Wie sich Systeme in dieser Weise verselbständigen können, beschreibt Niklas Luhmann. Nach seinem Verständnis besteht Gesellschaft aus Kommunikation. Menschen gehören zur Umwelt der Gesellschaft. [6][7]
Systeme wie Wirtschaft, Recht oder Organisationen beziehen ihre Operationen auf sich selbst. Das nennt man Selbstreferenz, und der Begriff stammt von Luhmann. [6] Eine Entscheidung schließt an frühere Entscheidungen desselben Systems an. Dazu kommt die Autopoiesis, die Selbsterzeugung: Systeme erzeugen sich aus ihren eigenen Operationen immer wieder selbst. [6][7] Damit ist beschrieben, wie ein System weiterlaufen kann, ohne dass der einzelne Mensch dafür der Bezugspunkt ist.
Jürgen Habermas: Systeme und Lebenswelt
Was mit den Menschen geschieht, wenn Systeme so arbeiten, beschreibt Jürgen Habermas. Er unterscheidet System und Lebenswelt. Die Lebenswelt ist der Bereich des Alltags, in dem Menschen sich verständigen. Systeme wie Wirtschaft und Verwaltung werden über Geld und Macht gesteuert. Sie dringen in die Lebenswelt ein und verdrängen deren Verständigung, was Habermas die Kolonialisierung der Lebenswelt nennt. [8] Sinngemäß hält er fest, dass Verwaltung Sinn nicht erzeugen kann. [9] Er knüpft dabei an Webers Rationalisierungsthese an. [10]
Habermas und Luhmann verwenden den Begriff des Systems unterschiedlich. Luhmann versteht die gesamte Gesellschaft als System aus Kommunikation. Habermas trennt System und Lebenswelt als zwei Bereiche der Gesellschaft. Beide haben darüber in einer bekannten Kontroverse gestritten. [9] Dieser Text nutzt beide: Luhmann beschreibt, wie selbstbezüglich Systeme arbeiten, Habermas beschreibt, was dabei mit der Lebenswelt geschieht.
Der Verlust des Zusammenhangs
Für Menschen, die in solchen Zusammenhängen handeln, bedeutet das, dass der Zusammenhang von Handlung und Zweck, von Aufwand und Ergebnis, von Reaktion und Anlass verloren geht. Das trifft besonders Menschen, die Sicherheit brauchen, also etwas, auf das sie sich verlassen können, und Verhältnismäßigkeit, also dass Dinge nicht übertrieben oder überzogen sind. Potenziell gilt das für jeden, für manche ist es nur wichtiger als für andere.
David Graeber beschreibt Berufe, die selbst die Ausübenden für sinnlos halten. Nach seiner Definition ist ein solcher Beruf so sinnlos, unnötig oder schädlich, dass der Ausführende seine Existenz nicht rechtfertigen kann, und trotzdem muss er so tun, als sei es anders. [11] Das erinnert an die Beobachtung im Video, dass alle so tun, als verstünden sie, was vor sich geht. [1] Graeber ist inzwischen gestorben [12], und seine Beobachtungen stammen aus einer Arbeitswelt, die sich seither verändert hat. Das macht sie nicht falsch.
Aktionismus und Freizeit
Viele Menschen überspielen das mit Aktionismus, weil das die einzige Möglichkeit scheint, darüber hinwegzukommen. Man ist beschäftigt, und die Beschäftigung füllt die Leere. Manche greifen zu Drogen, und auch Alkohol ist eine Droge. Der Sprecher des ersten Videos beschreibt es so, dass man die Leere mit irgendeinem Tun füllt, um der Absurdität des Lebens nicht ins Gesicht sehen zu müssen. [1]
Ein zweites Video zeigt ein verwandtes Muster in der Freizeit. Spaziergänge werden von Messwerten wie Schritten und Puls begleitet. Wer von einem Wochenende ohne Tätigkeit berichtet, stößt auf Mitleid, wer Erledigtes aufzählt, findet Zustimmung. [13] Die Verwertungslogik, nach der sich alles nutzen lassen soll, erstreckt sich damit auch auf die Freizeit.
Resonanz und Einkommen
Hartmut Rosa nennt das, was dabei verloren geht, Resonanz. Gemeint ist eine Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt sich gegenseitig berühren und verändern. [14] Fehlt sie, erscheint die Welt verstummt und taucht in der Wahrnehmung nicht mehr auf. [15] Es gibt dann kaum noch Kommunikation und kaum noch Erleben mit anderen, und es bleibt scheinbar nur der Aktionismus.
Wo Politik und Verwaltung über Menschen sprechen, geht es vielfach um Erwerbstätigkeit und Einkommen. Ob der Mensch lebt, kommt dabei nicht vor. Das kann krank machen. Dabei hat ein solcher Zusammenhang selten eine einzelne Ursache. Meist wirken mehrere zusammen, und das Beschriebene ist eines unter vielen.
Erich Fromm: Die Pathologie der Normalität
Wenn Menschen in einer solchen Welt krank werden, stellt sich die Frage, was als normal gilt. Dazu hat Erich Fromm den Begriff der Pathologie der Normalität geprägt. Gemeint ist, dass nicht alles, was in einer Gesellschaft als normal gilt, auch gesund ist. Krankhafte Muster können gesellschaftlich so verbreitet sein, dass sie ihren individuellen Charakter verlieren. Die Angepassten fühlen sich dann unter Gleichen wohl. [16] In neuerer Literatur steht dafür auch der Begriff der Normopathie. Gemeint ist ein Zustand, in dem das, was als normal gilt, selbst krankhafte Züge trägt. [17]
Fromm beschreibt außerdem, dass sich der seelisch gesunde Mensch in einer solchen Gesellschaft isoliert fühlen kann und darunter leidet. Ein Mensch, der sich nicht anpasst, wirkt dann krank, und das muss er nicht sein. [16]
Als Wurzel sieht Fromm die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von anderen und von der Natur. [17][18] Sein Begriff der Marketing-Orientierung beschreibt, wie das aussieht. Menschen erleben sich dort als Waren, deren Wert vom Erfolg auf dem Markt abhängt, und sie verkaufen sich selbst. [19] Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind einander Mittel zum Zweck. [20] Das entspricht dem Gedanken, dass der Mensch nur noch existieren soll, um Einkommen zu erzeugen. Fromm beschreibt es schon für die Mitte des vorigen Jahrhunderts. [18] Die Welt hat sich seither verändert, aus heutiger Sicht trifft die Beschreibung weiter zu.
Für diesen Text ist wichtig, was Fromm als Maßstab liefert. Er fragt, was den Menschen gelingen lässt. [21] An diesem Maßstab ist Normalität zu prüfen: ob etwas dem Menschen dient. Es geht um den Menschen und um Menschlichkeit. Institutionen und der Staat dienen dem Menschen nicht mehr. Sie dienen sich selbst. Dieser Maßstab ist verloren gegangen, und darin liegt das Problem.
Hinschauen und die feinen Unterschiede
Wie man über die Selbstreferenz hinwegkommen kann, lässt sich zumindest andeuten. Man kann wieder lernen hinzuschauen und die feinen Unterschiede wahrzunehmen. Die Probleme entstehen dort, wo keine Unterschiede mehr wahrgenommen werden und alles gleichgemacht wird. Wo Unterschiede wieder wahrgenommen werden, lässt sich auch wieder fragen, ob etwas dem Menschen dient.
Über diese Selbstreferenz müssen wir hinwegkommen, wenn wir wieder eine Lebenswelt haben wollen, die uns als Menschen dient.
Quellen
[1] Jett Franzen: „I understand why people go legit insane, like I just get it“, YouTube, Juni 2026, https://www.youtube.com/watch?v=9WkQfIDZGDs (abgerufen 2026-11-06)
[2] Stephen Kalberg: Max Weber’s Types of Rationality, American Journal of Sociology 85 (1980), https://www.bu.edu/sociology/files/2010/03/Weberstypes.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[3] EBSCO Research Starters: Weber and the Rational Society, https://www.ebsco.com/research-starters/history/weber-and-rational-society (abgerufen 2026-11-06)
[4] Springer: Webers stahlhartes Gehäuse und die Bürokratie, https://link.springer.com/doi/10.1007/978-3-322-97358-0_7 (abgerufen 2026-11-06)
[5] Springer: The „iron cage“: Two observations on Max Weber’s famous metaphor, https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s11609-024-00518-3.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[6] Bionity Lexikon: Autopoiese (Luhmann), https://www.bionity.com/de/lexikon/Autopoiese.html (abgerufen 2026-11-06)
[7] getAbstract: Zusammenfassung „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, https://www.getabstract.com/en/summary/die-gesellschaft-der-gesellschaft/30491 (abgerufen 2026-11-06)
[8] Philopedia: The Theory of Communicative Action, https://philopedia.pages.dev/works/the-theory-of-communicative-action (abgerufen 2026-11-06)
[9] Claus Offe: Von der Verflüchtigung einer bangen Hypothese, Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2009, https://www.blaetter.de/node/23757/download (abgerufen 2026-11-06)
[10] Wikipedia: The Theory of Communicative Action, https://wikipedia.com/wiki/Theory_of_Communicative_Action (abgerufen 2026-11-06)
[11] socialnet: Rezension zu David Graeber, Bullshit Jobs, https://www.socialnet.de/rezensionen/24992.php (abgerufen 2026-11-06)
[12] Populicenter: Book Review: What is a Bullshit Jobs?, https://populicenter.org/en/2020/09/19/book-review-what-is-a-bullshit-jobs/ (abgerufen 2026-11-06)
[13] Dainan Bright: „Why Is It So Hard for Gen X to Relax?“, YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=5dwol9xtD54 (abgerufen 2026-11-06)
[14] Springer: Hartmut Rosa’s account of resonance, https://link.springer.com/doi/10.1007/s10767-019-9313-6 (abgerufen 2026-11-06)
[15] polylog: Rezension zu Hartmut Rosa, Resonanz, https://polylog.net/fileadmin/docs/polylog/37_rez_Diaconu_Rosa.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[16] Erich Fromm Online: Pathologie der Normalität, https://fromm-online.org/pathologie-der-normalitaet-normalitaet-pathologie-der/ (abgerufen 2026-11-06)
[17] Leseprobe zu Normopathie (E-Bookshelf), https://content.e-bookshelf.de/media/reading/L-16922221-60b47a1641.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[18] Erich Fromm: Wege aus einer kranken Gesellschaft, Leseprobe dtv, https://lesejury.de/media/samples/076/9783423340076_leseprobe.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[19] SuperSummary: The Sane Society, https://www.supersummary.com/the-sane-society/summary/ (abgerufen 2026-11-06)
[20] Erich Fromm Gesellschaft, Arbeitskreis Schweiz: Authentisch 09, https://fromm-gesellschaft.eu/wp-content/uploads/2009/05/Authentisch_09.pdf (abgerufen 2026-11-06)
[21] Erich Fromm Gesellschaft, Arbeitskreis Schweiz: Lebensschule 29, https://fromm-gesellschaft.eu/wp-content/uploads/2009/05/Lebensschule_29.pdf (abgerufen 2026-11-06)
2026-11-06 11:05
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