Es fällt immer wieder auf, dass Menschen aneinander vorbeireden, wenn es um Informationen, Meinungen und Fakten geht. Der eine meint einen Gedanken, der andere hört eine Meinung, ein Dritter versteht es als Fakt und widerspricht entsprechend. Welche Ebene gemeint ist, bleibt meist unausgesprochen, und oft ist sie dem Sprechenden selbst nicht klar.
Im Folgenden werden diese Ebenen nacheinander betrachtet. Der Text folgt dabei zwei Linien. Auf der einen entstehen aus Daten Informationen und Fakten. Auf der anderen entstehen aus Inspiration Gedanken. In der Meinung treffen beide Linien zusammen. Bei allen Ebenen gilt, dass ein Mensch sie hervorbringt und deutet. Jeder Mensch hat dazu eine Weltvorstellung, also eine Vorstellung von Welt, und sie prägt, wie er deutet.
Daten und Information
Daten sind Rohmaterial. Temperaturwerte zum Beispiel lassen sich für sich genommen nicht verwenden. Eine Zahl wie 17 sagt noch nichts. Erst wenn man sie mit der Frage verbindet, welche Temperatur Menschen als angenehm empfinden, oder mit dem Kontext, in dem sie gemessen wurde, wird sie zur Information. Informationen sind gedeutete Daten. Aus der Zahl wird dann zum Beispiel die Aussage, dass es im Raum eher kühl ist.
Was mit Informationen geschieht
Mit Informationen geschieht danach vieles, und dafür gibt es eine Reihe von Begriffen. Man interpretiert sie, deutet sie, deklariert etwas (legt es also fest oder erklärt es für gegeben), ordnet ein, schlussfolgert und analysiert. Diese Tätigkeiten kehren bei den einzelnen Ebenen wieder. Information entsteht durch Deuten, eine Meinung ist eine Schlussfolgerung, ein Fakt ist eine Ableitung innerhalb eines Bereichs, den man dabei deklariert. In jedem Fall führt ein Mensch die Tätigkeit durch, und jeder bringt dabei seine eigene Weltvorstellung mit.
Deutung und Deutende
Eine Deutung sagt deshalb zunächst etwas über den aus, der deutet, und erst danach über das, was gedeutet wird. In der Soziologie ist das an mehreren Stellen ausgearbeitet.
Bei Alfred Schütz ist es die Lebenswelt des Alltags. Das ist die Welt, in der man lebt und handelt, und in ihr deutet man seine Wirklichkeit. Bei Peter Berger und Thomas Luckmann ist es die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Sie ist für Fakten, die mit anderen geteilt werden, besonders wichtig. Ein geteilter Fakt ist eine Deutung, die mehrere gemeinsam tragen. Harold Garfinkel zeigt, wie Menschen Ordnung und Sinn herstellen. Damit beschreibt er die Grundlage dafür, dass jemand überhaupt eine Weltvorstellung konstruiert. Erfasst jemand den Sinn von etwas oder schafft er sich eine Ordnung, baut er damit an seiner Weltvorstellung. Viele weitere Autoren gehören in diesen Zusammenhang.
Als Zugang zum Nachschauen sei ein Vortrag erwähnt, den Frank Rieger und Ron auf dem 24C3 gehalten haben, „Die Wahrheit und was wirklich passierte“. Dort wird jedes Ereignis in vier Seiten geteilt: die eigene Darstellung, die Darstellung der Gegenseite, die gesellschaftlich anerkannte Wahrheit und das tatsächliche Geschehen. Das Geschehen erreicht den Menschen über die Sinnesorgane, wird in Sprache gefasst, weitergegeben und von anderen wieder interpretiert. Bei jedem dieser Schritte verändert sich die Information. Die gesellschaftlich anerkannte Wahrheit entsteht durch Übereinkunft.
Gedanke
Ein Gedanke taucht auf, oft aus Inspiration. Er ist roh, noch nicht eingeordnet, und er ist von den Weltvorstellungen dessen geprägt, der ihn denkt. Gedanken entstehen nicht aus Daten. Sie stehen damit neben der Linie, die von Daten zur Information führt, und kommen aus einer anderen Quelle.
Meinung
Eine Meinung ist bereits eine Schlussfolgerung. Sie entsteht aus Gedanken und aus Fakten und ordnet Phänomene und Ereignisse ein, so wie der Träger der Meinung sie wahrnimmt. An dieser Stelle laufen die beiden Linien zusammen.
Am Beispiel der Temperatur lässt sich das zeigen. Der Wert von 17 Grad ist ein Datum. Dass er im Kontext eines Wohnraums eher kühl ist, ist eine Information. Wenn der eine sagt, das sei angenehm, und der andere, das sei zu kalt, hat jeder eine Meinung, die aus seiner Wahrnehmung kommt. Beide haben dieselbe Information, und ihre Weltvorstellungen unterscheiden sich in diesem Punkt.
Fakt und Bereich
Ein Fakt ist eine Form von Information. Ein physikalischer Fakt ist zugänglich für diejenigen, die diesen physikalischen Aspekt kennen. Der Aspekt selbst wirkt aber auch auf die, die ihn nicht kennen. Sie kennen ihn eben nicht, das ist der Unterschied.
Auch der Fakt hängt an dem, was jemand glaubt, der ihn behauptet. Er ist aber mehr. Spricht jemand von Fakten, meint er meistens, dass auch andere an diese Deutung glauben und dass sie sich belegen lässt. Ein geteilter Fakt ist konstruiert und trägt im jeweiligen Bereich trotzdem.
Ein Fakt ist, was sich innerhalb der Grundlagen eines Bereichs ableiten lässt. Das deklariert den Bereich. Wie groß der Bereich ist, wechselt jedes Mal, aber ein Fakt bezieht sich immer auf einen Bereich und nicht auf das Ganze.
Ein Beispiel aus der Physik: Kennt man die physikalischen Grundlagen, folgt daraus, dass losgelassene Gegenstände zur Erde fallen. Es wurde nie beobachtet, dass ein losgelassener Stein nach oben schwebt. Das wäre mit einer Weltvorstellung, die sich an Fakten hält, nicht vereinbar. Ein Beispiel aus dem sozialen Bereich: Haben Menschen über längere Zeit Kontakt gehabt, kann man ableiten, dass Austausch stattgefunden hat. Was für ein Austausch es war, bleibt offen. Nur dass er stattgefunden hat, ist ableitbar. Jeder Bereich hat solche Grundlagen, auch der geistige und der technische.
Was als Fakt gilt
Was überhaupt als Fakt gilt, ist selbst umstritten, weil die Vorstellungen darüber auseinandergehen. Auf die Frage, was man über die Welt wissen kann, antwortet die Wissenschaftstheorie. Karl Popper verlangt, dass Aussagen an der Erfahrung scheitern können müssen, um als wissenschaftlich zu gelten. Thomas Kuhn zeigt, dass der jeweils geltende Rahmen mitbestimmt, was als Fakt gilt.
Man kann nicht alles wissen, und man braucht es auch nicht. Innerhalb eines Bereichs genügt die Ableitung, und manchmal reicht die eigene Intuition. Oft lässt sich gar nicht feststellen, ob etwas belegt ist. Was als Fakt behauptet wird, kann sich als Irrtum erweisen, und dazwischen gibt es viele Abstufungen. Angreifen lässt sich ohnehin alles, wenn man es will. Darauf kommt der letzte Abschnitt zurück.
Fakt, Wahrnehmung und Deutung: das Auto
An einem Fall lässt sich zeigen, wie Fakt, Wahrnehmung und Deutung zusammenspielen. Ein Auto fährt an zwei Menschen vorbei. Der eine sagt, es war rot, der andere, es war schwarz.
Geteilt ist, dass ein Auto vorbeigefahren ist. Das ist der Fakt. Die Farbe ist Wahrnehmung, und wer von beiden mit ihr recht hat, lässt sich nicht entscheiden. Ob die Farbe von Belang ist, ist Deutung. Die beiden können lange über die Farbe streiten. Vielleicht wäre die bessere Frage, ob die Farbe überhaupt von Belang ist und ob nicht wichtiger ist, dass dort ein Auto fuhr, wo normalerweise keine Autos fahren dürfen. Sie streiten dann auf der Ebene der Wahrnehmung, obwohl die Frage auf der Ebene der Deutung liegt.
Ein eigener Zugang zur Wirklichkeit
Neben dem, was einem vermittelt wird, gibt es einen eigenen Zugang zur Wirklichkeit. Das ist die eigene, authentische Erfahrung und das künstlerische Herangehen, bei dem man aus der Selbstwirksamkeit deutet, also aus der Erfahrung, selbst etwas zu bewirken. Man leitet dort die Dinge selbst her, aus eigener Primärerfahrung.
Auch die Intuition gehört dazu. Sie ist vielschichtig. Es gibt zum Beispiel eine, die sich an Prinzipien der Wissenschaft anlehnt, und eine, die sich an Emotionalität anlehnt. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Klärung nach innen und in der Interaktion
Das Festlegen der Ebene ist immer eine innere Klärung. Man bestimmt für sich, ob man gerade einen Gedanken hat, eine Meinung oder einen Fakt, und in welchem Bereich er steht. Beim Austausch geht es um diese innere Klärung und zugleich um die Klärung der Interaktion.
Das geschieht auf verschiedene Weisen. Manchmal klärt sich vieles intuitiv, und es entsteht ein gemeinsames Verstehen. Manchmal gibt es eine geistige Verwandtschaft, und es braucht gar kein Verfahren. Manchmal braucht es eines. Und manchmal findet das Verstehen aus irgendwelchen Gründen einfach nicht statt. Die Ebene jedes Mal ausdrücklich zu benennen, ist dafür nicht erforderlich.
Ambiguitätstoleranz und Verstehenwollen
Eine Grundlage dafür ist Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Mehrdeutiges und verschiedene Sichtweisen auszuhalten. Ohne sie lässt sich keine verständigende Interaktion führen. Auch ein Streit ist eine Interaktion, deshalb ist hier von der Interaktion die Rede, in der Verstehen das Ziel ist.
Bei Fakten ist Ambiguitätstoleranz immer nötig, denn Menschen ziehen aus denselben Fakten unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen. Manchmal meinen zwei Menschen exakt das Gleiche und streiten, weil sie unterschiedliche Worte benutzen.
Angreifen lässt sich alles, wenn man es will. Ist die Grundhaltung einer Interaktion, den anderen nicht verstehen zu wollen, findet man Gründe, ihn nicht verstehen zu können. Um einen anderen Menschen und dessen Weltvorstellung zu verstehen, muss man sich die Mühe machen, in sie einzutauchen.
Wirklichkeit ist nicht für jeden dasselbe. Bei den kleinen Dingen zeigt sich das: wo die eigenen Grenzen liegen, wie jemand wahrnimmt und deutet. Hier sind ganz verschiedene Einordnungen möglich, und sie dürfen verschieden sein. Beim Sprung aus hundert Metern Höhe gelten die Grundlagen der Physik für alle gleich. Die Weltvorstellungen sind nicht überall identisch, sie müssen es nicht sein und werden es nie sein. Mit dieser Unterschiedlichkeit muss man umgehen lernen. Sonst reden Menschen weiter aneinander vorbei, weil jeder auf einer anderen Ebene spricht, ohne es zu merken.
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